Winfried Herbst Eine virtuelle Ausstellung

Brief der Kuratorin
– bitte lesen –


Liebe Besucherinnen,

willkommen zur ersten virtuellen Ausstellung von Winfried Herbst! Ehe es losgeht, möchte ich Sie mit einigen Informationen versorgen.

Angesichts der schwierigen Umstände des Jahres 2020 entstand die Idee, zusammen mit dem Künstler und unter Involvierung der Herbst-Gesellschaft, eine virtuelle Ausstellung mit Arbeiten von Winfried Herbst zu schaffen.
Die Werkauswahl trafen die Mitglieder selbst: Jede wurde dazu aufgerufen, ihr Lieblingswerk mitzuteilen und ggf. einen entsprechenden Kommentar dazu abzugeben. Alles Weitere wurde in meine Hände gelegt.

Die Werke Winfried Herbsts besitzen eine starke emotionale Komponente: In den Gemälden sitzt eine Urgewalt, die mal aktiv den Betrachtern entgegen brodelt, mal diffus unfassbar bleibt.
Die menschenleeren Landschafts- und Stadtfotografien sind eher ruhig, fast unbewegt und der oft tiefsitzende Horizont schafft Platz für einen weiten, ungreifbaren Himmel und lässt uns als Mensch über unsere Position in dieser Welt nachdenken. Die Porträtfotos hingegen halten uns in einen Bann des Unbehagens fest und lassen erst los, wenn sie es zulassen.
Auch die Objekte gehen mit den ausgewählten Materialien und in ihrer Zusammenstellung an die Substanz: Stacheldraht, Glas oder Stein lösen quasi körperliche Reaktionen aus. Schließlich betten sich die Zeichnungen aus dem Frühwerk Herbsts in sein Gesamtschaffen wie Vulkane ein, die später als Gemälde, Objekte und Fotografien ihren Ausbruch erfahren.

Ich muss gestehen: Dem Konzept einer „virtuellen Ausstellung“ trat ich immer mit einer Portion Skepsis entgegen. Virtuelle Ausstellungen von Gemälden, Objekten und Fotografien können sich schwerlich mit ihrem realen Gegenpart messen. Doch für den Großteil der letzten zwölf Monate hieß es erfinderisch werden, um eine Ausstellung möglich zu machen.

Wichtig war mir als Kuratorin, dass folgende Erlebnisse eines Ausstellungsbesuchs abstrahiert nachgestellt werden.

Dass in einer virtuellen Ausstellung verschiedene Dimensionen, wie das Brechen des Lichts auf der Werkoberfläche, das Erklimmen von Strukturen mit den Augen, der Geruch der Farbe oder das elektrisierende Anfassen-Wollen bei der Betrachtung einer Skulptur schlichtweg fehlen, versteht sich von selbst.
Es sollte deshalb ausdrücklich kein dreidimensionaler virtueller Raum für die Ausstellung kreiert werden. Eine bewusst reduzierte 2-D-Welt sollte es stattdessen sein, ohne die Anmaßung, den Werken auf diese Weise gerecht zu werden.

Da eben die Dimension der sinnlichen Erfahrung in diesem Kontext leidet, kam mir die Idee eine andere ergänzend einzubauen: Musik.

Die durch die Mitglieder der Herbst-Gesellschaft gewählten Werke Winfried Herbsts werden in Kombination mit klassischen Musikstücken auf einer virtuellen Plattform gezeigt.

Freilich hat die musikalische Unter- oder gar Bemalung einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Werke, sie soll aber viel mehr ein Gefühl der Intimität zwischen den Werken des Künstlers und den Betrachterinnen schaffen. Eine Intimität, die in der eins-zu-eins Kunsterfahrung ein Gegebenes ist und hier, im virtuellen Raum, erst geschaffen und genährt werden muss.
Die Musik soll die Abbilder der Kunstwerke ein Stück weit beleben. Vielleicht verleitet die Musik zu einem längeren Schauen und dient auch als emotionaler Verstärker? Vielleicht reflektieren die vielen Nuancen eines Musikstücks die vielen Nuancen eines Gemäldes und heben sie so im virtuellen Raum hervor?

Neben der so unterstützen Werkerfahrung soll auch die Bewegung durch die Ausstellungsräume virtuell nachempfunden werden. Tatsächlich kreiert die Musik den Raum nicht in einem spatialen, sondern in einem temporalen Sinn. Die ausgewählten Werke sind auf drei (Musik-)Räume verteilt, die jeweils unter einem Thema stehen. In allen drei Bereichen wird ein Stück aus Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps (1913) gespielt:

Die von den Mitgliedern der Herbst-Gesellschaft ausgewählten Werke habe ich in den drei Räumen in einer bestimmten Reihenfolge „ausgestellt“. Manchmal erscheint ein Kommentar eines Mitglieds der Herbst-Gesellschaft, ein Gedanke zu einem der ausgestellten Werke. Diese sind allesamt Reaktionen der Betrachterinnen der Kunst Winfrieds, die dem Ganzen noch eine soziale und reflexive Komponente geben und uns nach dem Gefühls- und Sinnesrausch wieder die nötige Distanz zum Nachdenken geben sollen.

Der Kunst-Raum der Ausstellung wird jedoch bereits durch Sie, die Betrachterinnen, realisiert, egal ob in der kontemplativen Betrachtung oder wenn Sie sich gar zum Tanz hinreißen lassen.

Anhand der Werke Winfrieds erfahren Sie vielleicht, dass einer der wichtigsten Komponenten in der Kunst(betrachtung) die Emotion ist. Auch wenn durch Pop Art und Konzeptkunst die Emotion in den Hintergrund geraten ist, vibrieren Winfried Herbsts Werke damit.
Die musikalische Begleitung kann hier vielleicht als Katalysator für eine emotionale Reaktion und damit zu den Werken selbst dienen, und auch im virtuellen Raum ein Staunen vor dem Gesehenen auslösen.

Winfried Herbst Eine virtuelle Ausstellung

emotionale

Viel Freude bei der Ausstellung!

Ihre
Franziska Straubinger

Anleitung

Ehe Sie die Ausstellung nun „betreten“, sollten folgende Punkte beachtet werden:

• Nehmen Sie sich Zeit für dieses Erlebnis
• Mit einem feierlichen Getränk zur Hand
• An einem möglichst großen Bildschirm mit Kopfhörern
• Mit F11 können sie in den Vollbildmodus umschalten - oder unter Ansicht -> Vollbild
• Dauer: ca 15 min.

Klicken Sie dann auf „Enter“ und treten bewusst über die Schwelle zu einer virtuellen Kunst-Erfahrung. Der Alltag soll für einen Moment pausieren, die volle Aufmerksamkeit ist gefordert.